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RAiffeisen-Bank in stürmischen zeiten

Ex-CEO in U-Haft, Verwaltungsratspräsident und CEO zurückgetreten

Die Schweizer Raiffeisenbank, ein Verbund von Genossenschaftsbanken, erlebt 2018 einen veritablen Sturm, dessen Ende noch nicht abzusehen ist. Ein Krisenmanagement ist von aussen nicht wirklich erkennbar.

Es begann am 28. Februar 2018 alles mit der Meldung, am Wohnsitz des ehemaligen Raiffeisen-Chefs Pierin Vincenz in Teufen AR sei eine Hausdurchsuchung durchgeführt worden. Begleitet war die Nachricht von der Information, Vincenz müsse den Zürcher Untersuchungsbehörden Red‘ & Antwort stehen – und dass gegen ihn und weitere Beschuldigte ein Strafverfahren eingeleitet worden sei. Unter anderen habe auch sein ehemaliger Arbeitgeber, die Raiffeisen, eine Anzeige gegen Vincenz eingereicht. Wenige Stunden später der Schock: Vincenz wurde in Untersuchungshaft versetzt – und verbleibt dort für über 100 Tage.

 

Vorwürfe sind nicht neu

Vorgeworfen wurde dem ehemaligen Top-Banker Verschiedenes. Bereits 2017 hatte die Schweizer Finanzmarkaufsicht FINMA ein Verfahren durchgeführt, bei dem es um Interessenskonflikte ging. Das Verfahren waren Ende 2017 allerdings eingestellt worden. Strafrechtlich vorgeworfen wurde im gemäss Medienberichten insbesondere die Tatsache, dass er bei einigen Deals der Bank oder der Firma Aduno, in dessen Verwaltungsrat er sass, Geschäfte abschloss, bei denen er auch auf der anderen Seite des Verhandlungstischs mit beteiligt war; als stiller Investor nämlich, der an den Deals im Hintergrund Profit machte. Die Frage der ungetreuen Geschäftsbesorgung stand im Raum, oder konkreter: Hatte Vincenz Firmen zu überteuerten Preisen aufgetauft, die ihm selbst gehörten oder an denen er zumindest beteiligt war?

Zusätzlich genährt wurde dieser Verdacht durch die Tatsache, dass Vincenz bei den Deals seine Karten nicht auf den Tisch gelegt hatte. Entlastet wurde er durch Gutachten, die bereits früher erstellt worden waren und zwar bestätigten, dass wenig Transparenz herrschte, gleichzeitig aber auch die bezahlten Preise für marktkonform erachteten – ein Punkt, über den die Einschätzungen auseinander gehen.

 

Fehlende Compliance

Die Berichterstattung in praktisch allen Medien zeichnete das Bild eines kleinen Sonnenkönigs, der die Raiffeisen-Zentral in St. Gallen mehr oder weniger im Alleinggang geführt hatte. Der Verwaltungsrat unter Präsident und HSG-Professor Johannes Rüegg-Stürm konnte nie darlegen, wie das Gremium seiner nach dem Gesetz bestehenden Aufsichtspflicht nachgekommen wäre. In dem Zusammenhang wurde auch die Zusammensetzung des Verwaltungsrats gerügt, in dem niemand sass, der Vincenz hätte Paroli bieten können. Dazu stand die These im Raum, dass man Vincenz auch deshalb gewähren liess, weil er Ergebnisse lieferte und man den Vorzeigebanker nicht bremsen wollte. Rüegg-Stürm verteidigte zunächst die Arbeit des Verwaltungsrates, beispielsweise in diesem Interview in der NZZ am Sonntag vom 3. März 2018, musste aber dennoch wenige Tage später unter dem imensen Druck zurücktreten.

Zum Vorwurf gemacht wurde dem Verwaltungsrat auch, dass er nicht einschritt, als Vincenz‘ Lebenspartnerin, die er in der Bank kennengelernt hatte, an die Spitze der Rechts- und Compliance-Abteilung aufstieg. Mit anderen Worten: Die oberste operative Kontrollinstanz der Bank teilte mit dem CEO das Bett. Vincenz wurde zwar immer wieder, und das auch öffentlich, z.B. in TV-Sendungen, kritisch darauf angesprochen, spielte die Problematik allerdings regelmässig herunter.

Nach Stürm-Rüegg wurde der Basler Professor Pascal Gantenbein ad interim neuer Verwaltungsratspräsident, der schon bald ankündigte, im Herbst als regulärer Kandidat für das Amt in die Hosen steigen zu wollen – was prompt soviel Kritik auslöste, dass er davon wieder absah. So liessen sich Delegierte der Raiffeisen-Genossenschaften mit der Aussage zitieren, Gantenbein bringe nicht mit, was an Anforderungen gestellt werde.

 

CEO Gisel strauchelt über Liebesbeziehung mit Verwaltungsrätin

Schon seit Ausbruch der Krise stand Vincenz‘ Nachfolger als CEO, sein früherer Vize Patrik Gisel, mit in der Kritik. Gisel hatte im Oktober 2015, nach der Pensionierung von Vincenz, die Raiffeisen-Zentrale übernommen und hatte zuvor während 13 Jahren an seiner Seite als Stellvertreter gewaltet.  Einerseits monierten seine Skeptiker, er sei zulange die rechte Hand von Vincenz gewesen, als dass er behaupten könne, von den zwielichtigen Machenschaften nichts gewusst zu haben.

Andere sagten, falls er von den Machenschaften nichts gewusst haben sollte, hätte er seinen Job schlecht gemacht. So oder so: Der Verwaltungsrat hielt gleichwohl lange Zeit an Gisel fest, wohl solange, bis dass die oberste Unternehmensführung einsehen musste, dass mit Gisel als CEO keine Ruhe einkehren würde, Mitte Juli kündigte Gisel schliesslich seinen Rücktritt per Ende Jahr an. Im November dann die Wende: Es wird bekannt, dass Gisel eine Beziehung mit der früheren Raiffeisen-Verwaltungsrätin Laurence de la Serna führt. – De la Serna war aber noch bis Juni Mitglied im Verwaltungsrat der Raiffeisen. Gisel gibt zwar an, die Beziehung habe erst nach dem Rücktritt begonnen, gleichwohl sieht der Verwaltungsrat nun offenbar die Vertrauensbasis als zerstört an.

Am Wochenende vom 10./11. November 2018 tritt Gisel per sofort zurück. Als neuer Verwaltungsratspräsident der Raiffeisen wird Guy Lachappelle gewählt. Auch er allerdings ist in der öffentlichen Wahrnehmung nicht unumstritten: Lachapelle war früher Chef der Basler Kantonalbank BKB. Dort hatte er vom gescheiterten Rudolf Matter übernommen, der nach eines Betrugsfalls ausscheiden musste. Der Vermögensverwalter ASE war ins Visier der Behörden geraten, weil er Anleger betrogen hatte – und die BKB war die Depot-Bank der ASE. Lachapelle, der zu diesem Zeitpunkt Kreditchef der BKB war, konnte seine Weste allerdings trotz Vorwürfen rein halten.

 

Krisenmanagement: Schon an der Compliance gescheitert

Aus Sicht des  Krisenmanagements dokumentieren die Vorgänge rund um die Raiffeisen-Bank eine Situation, wie sie eigentlich mit den „Best Practice“- und „Good Governance“-Regeln gar nicht hätte vorkommen dürfen. Das Beispiel illustriert bestens, was geschieht, wenn das Compliance -„C“ der 4C-Methode nicht ernstgenommen wird. Zu diesem Schluss kommt auch die FINMA in ihrem Bericht.

Der erste Verstoss gegen die Compliance ist in diesem Beispiel darin zu erkennen, dass keine „Checks and Balances“ zwischen Verwaltungsrat und CEO bestehen. Der Verwaltungsrat konnte die Zweifel daran, dass er dem CEO ein Sparringpartner auf Augenhöhe war, nie ausräumen. Als Beleg dafür mag dienen, dass das Gremium es zuliess, dass Vincenz‘ Lebenspartnerin als Compliance-Chefin im gleichen Betrieb beschäftigt war.

Dass Vincenz selbst diese Bedenken regelmässig ignorierte, zeigt ein nächstes Element fehlender Compliance: In der Zentrale war ganz offensichtlich schlicht keine zeitgemässige Compliance-Kultur verankert. Kultur muss von den obersten Chefs vorgelebt werden, und wenn der CEO nicht in der Lage ist, die Problematik dieser persönlichen Nähe zu erkennen, dann kann eine entsprechende Sensibilität auch von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern kaum erwartet werden. Als ob es dafür noch eines Belegs bedurft hätte, strauchelt am Ende CEO Gisel über eine Liebschaft mit einer Verwaltungsrätin.

 

Krisenmanagement: Nicht wahrnehmbar

In unserer Erfahrung tun sich Unternehmen, welche keine Compliance-Kultur haben, häufig auch schwer, in einer Krisensituation in den Krisenmanagement-Modus zu wechseln. Das war auch hier nicht zu erkennen, obwohl die Zeichen schon frühzeitig an der Wand standen. So hat die – oftmals zugegebenermassen auch fragwürde – online-Plattform INSIDE-PARADEPLATZ.CH schon 2016 auf heikle Zahlungen aufmerksam gemacht. Der Artikel basierte zwar auf einer dünnen Faktenlage, warf aber Fragen auf, welche der Verwaltungsrat durchaus hätte aufnehmen können. Aber offenbar reichte die Berichterstattung nicht aus, um einen Krisenstab auszulösen. Auch als 2016 die FINMA Untersuchungen aufnahm, erscheint von aussen kein Krisenmanagement-Prozess in Gang gekommen zu sein. Denn wäre das geschehen, hätte sich der Verwaltungsrat bereits 2016 mit vorbehaltenen Entschlüssen so auf die kommenden Ereignisse vorbereiten können, dass er schneller und korrekt hätte handeln können, als die Situation eskalierte.

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Beitrag in 10VOR10 vom 13. Juni 2018

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